Donnerstag, 21. März 2013

Contingency Training

Neulich morgens um 6 Uhr in einem der Schulzimmer in Dübendorf. Es treffen sich zehn mehr oder minder wache Lotsen und einer ihrer drei Peiniger Instruktoren. Approach Contingency Training steht auf dem Tagesbefehl geschrieben - Freude herrscht!

Wenn man bei Google den Begriff "Definition Contingency" eingibt, findet man unter anderem folgende Erklärungen:

- an event that may occur but that is not likely or intended; a possibility
- a possibility that must be prepared for; a future emergency
- something that might happen in the future, especially something bad
- synonyms: accident, crisis, emergency, event, eventuality, incident, uncertainty…

Diese Erklärungen treffen den Nagel ziemlich genau auf den Kopf und somit steht uns vermutlich ein äusserst amüsanter Vormittag im SIM bevor...

Bevor wir uns jedoch auf den Weg in die Folterkammer machen, bekommen wir ein rund einstündiges Briefing. Zuerst werden einige generelle Theoriepunkte aufgefrischt (nicht nur Piloten haben coole Codewörter, an die sie sich in-case-of-was-auch-immer halten können...) und danach besprechen wir die zu erwartenden Situationen in allgemeiner Form. Wir wollen ja schliesslich etwas lernen und Erfahrungsaustausch ist in diesem Zusammenhang etwas vom Wichtigsten, das es gibt.

Derart gerüstet verschiebt sich die ganze Truppe in den SIM, wo auch die beiden anderen Quälgeister bereits auf uns warten. Arbeitsplätze besetzen, SIM einrichten, radio check, everybody ready? Los geht’s, "clocks on" heisst das Zauberwörtchen im Lotsenjargon :-)

Irgendwie ist das ein saukomischer Moment, ein Grummeln macht sich in der Magengegend breit. Noch ist alles ruhig, doch alle wissen es - expect the unexpected ist heute garantiert mehr als nur eine Drohung...

Bereits nach wenigen Minuten macht sich ein erster Problemfall auf der Frequenz bemerkbar. Unsere Instruktoren sind jedoch gnädig und bescheren uns - sozusagen als warm up - "bloss" einen medical emergency, der im Anflug Priorität braucht. Ein Szenario also, das für den erkrankten Passagier zwar sehr unangenehm ist, aber sowohl ATC- wie auch pilotenseitig noch keine grösseren Aktionen zur Folge hat. Wir gewähren der betroffenen Maschine selbstverständlich Priorität, was konkret bedeutet, dass wir einen Sequenzwechsel vornehmen müssen. Das ist aber kein Problem und wird von uns zügig koordiniert und eingefädelt. Da wir Contingency-Training haben, sind wir entsprechend defensiv in die Übung eingestiegen, wir sind ja auch nicht blöd...

Kaum haben wir diesen Fall zur Zufriedenheit aller gelöst, geht es auch schon Schlag auf Schlag weiter. Eine einmotorige Piper, die wegen icing unbedingt runter muss, flaps problems auf der ILS, lost VFR in IMC, totaler Radarausfall, flugzeugseitiger Funkausfall im Anflug, engine out im Take Off mit immediate return, Ausfall unseres Flugplandatensystems, smoke im Cockpit, ein Kollege, der plötzlich ohnmächtig im Stuhl hängt... Unsere Peiniger decken wahrlich eine breite Palette ab und konfrontieren uns im Verlauf des Trainings mit verschiedensten Szenarien, die wir lösen müssen.

Zwischen den einzelnen Übungen halten wir immer wieder Debriefings ab, in welchen wir die erlebten Fälle nochmals besprechen und verschiedene Lösungsansätze diskutieren. Im Gegensatz zu den Fliegerjungs arbeiten wir bei Notfällen nicht strikte nach einer Checkliste, denn das Handling hängt immer auch davon ab, was die Piloten machen wollen respektive von uns brauchen und wie sich die Gesamtsituation in dem Moment präsentiert. 

Klar haben wir auch Checklisten, die wir zur Hand nehmen. Diese geben uns aber hauptsächlich Guidelines, was wir im jeweiligen Fall flugzeugseitig allenfalls zu erwarten haben und wie wir Support bieten können respektive was wir berücksichtigen müssen. Letztlich ist aber jeder Fall anders und muss der Situation entsprechend gehandhabt werden. Für uns enorm wichtig ist deshalb nicht zuletzt unsere Erfahrung, die wir uns im Laufe der Jahre aneignen und auf die wir im Notfall zurückgreifen können. Nicht umsonst haben wir in unseren Contingency Trainings regelmässig auch Piloten als Observer dabei, die uns im SIM über die Schulter schauen und in den Debriefings ihre Sicht der Dinge einbringen können - für mich immer wieder ein absolutes Highlight!

Unsere eigenen Checklisten werde ich hier nicht veröffentlichen. Wer sich aber dennoch ein wenig informieren will, wie eine solche ATC-Checkliste aussehen könnte, soll sich dieses Dokument einmal anschauen.

Ab und zu sorgen unsere Simulator-Piloten trotz aller Notfälle auch für ein Schmunzeln auf unserer Seite - zum Beispiel dann, wenn ausgerechnet der Ambulanzjet auf dem Baseleg meldet, er brauche noch ein paar Meilen mehr, weil seine Kabine noch nicht ganz ready sei...



Das Approach Contingency Training haben wir alle bestens überstanden - schon bald geht es im TWR SIM in ähnlicher Art und Weise weiter. Auch an diesem Tag wird es uns garantiert sicher nicht langweilig werden - wetten?

Sonntag, 10. März 2013

Gelegenheit macht Flüge

Dass ich gerne (mit)fliegen gehe ist nicht wirklich neu. Und dass ich drum jede sich bietende Gelegenheit nutze, versteht sich ja wohl von selbst. So ein ID-Ticket ist letztendlich auch nicht wirklich teurer als ein Shopping Nachmittag mit Freundinnen und macht mindestens genauso viel Spass...

Vor einer Weile hat sich endlich wieder mal eine Gelegenheit geboten und die musste natürlich genutzt werden. Barcelona hiess die Destination. Treffpunkt am Flughafen war um 6 Uhr morgens, denn um 7.10 Uhr hätte es eigentlich losgehen sollen. Hätte. Denn erstens kommt es anders...

Wenn draussen Minusgrade herrschen, dann müssen Flugzeuge vor dem Start enteist werden. Was das heissen kann, ist bei ihm wunderschön nachzulesen.

Deicing heisst aber auch, dass alles ein bisschen langsamer vonstatten geht. Und so kam es, dass wir anstelle der erhofften Start Up clearance noch am Standplatz ein erstes Mal zum Warten verdonnert wurden - es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein auf dieser Rotation... Nach gut 25 Minuten hiess es "start up and pushback approved". 

Der Weg zum Pistenanfang führte uns  - wie viele andere auch - über die Remote Deicing Pads nördlich der Piste 28.
Geduld war gefragt und das schon zum zweiten Mal an diesem Morgen.

waiting for some deicing

next in line

der Sonnenaufgang entschädigt für die Warterei


Zwischen dem ersten Aufruf beim CLD und der Take Off Clearance vergingen sage und schreibe fast 80(!) Minuten. Langweilig wurde uns aber trotzdem nicht. Die Diskussionen mit den beiden Fliegerjungs waren - wie immer - spannend und lehrreich. Und da der Copi auch noch als Instruktor amtet, konnte ich den einen oder anderen Input platzieren, was er seinen Schützlingen doch bitteschön auf den Weg mitgeben solle...
 

RWY28, cleared Take Off - endlich...

mit der Nase Richtung Westen scheint
die Sonne wunderbar von hinten ins Cockpit

im Anflug auf BCN - die APP lights stehen
tatsächlich ein wenig schräg in der Landschaft
 

Dass sich diese Verspätung nie und nimmer würde aufholen lassen war uns allen klar. Doch es sollte noch übler kommen... Kaum in Barcelona am Boden kam die Meldung, dass wir wegen des Nebels in Zürich einen Slot haben, der uns nochmals 30 Minuten Verspätung generieren würde. Jä nu, was solls, ändern konnten wir es ja sowieso nicht. Die ready Meldung wurde trotzdem abgesetzt, auch wenn die Chancen auf eine Verbesserung minimal waren. Doch wenn Murphy erst mal mit an Bord ist... 

Statt der erhofften Slotverbesserung bekamen wir eine Slotverschlechterung. Da sich der Nebel in Zürich hartnäckiger hielt als prognostiziert mussten meine Kollegen die Reduktion der Anflugrate verlängern. Für uns hiess das nochmals zusätzliche 30 Minuten Delay, die wir am Boden absitzen mussten. Und so kam es, dass unser Slot in BCN 2 Minuten vor der geplanten Ankunftszeit in ZRH begann...


Tschüss BCN

eusi Schwiiz - eusi Berge, einfach immer wieder umwerfend schön!

unsere Hauptstadt einmal aus einer anderen Perspektive


 "Wenn wir in ZRH anfliegen, hat es dann garantiert keinen Nebel mehr und die Passagiere glauben, wir hätten sie angelogen, als wir ihnen gesagt haben, dass wir wegen des schlechten Wetters in ZRH Verspätung haben, musch numme luege!" Das waren die Worte des Captains, als wir in BCN am Boden am Warten waren. Ganz Unrecht hatte er zwar tatsächlich nicht, aber zumindest ich musste im Dunst trotzdem ziemlich suchen, bis ich die Piste sehen konnte.


auf Vectors im Anflug auf ZRH - meine Kollegen
führen uns um Leibstadt herum

RWY in sight

mein Büro - für einmal aus einer etwas anderen Perspektive


Neulich steckte in meinem Postfach ein Mail des Copi, der auf dem BCN Flug mit von der Partie war. Geschickt hat er mir ein zwei absolut sensationelle Bilder, die er während eines Rundfluges über den Alpen aufgenommen hat. Der Kommentar dazu lautete: "Dank Euch (Alpenrundflug mit einem A320 auf LVL160) hat es geniale Fotos gegeben."


 



Ein Follow Up der besonderen Art, das auch mir ganz viel Freude bereitet hat, vielen herzlichen Dank!

Dienstag, 5. März 2013

Newbie

Soeben entdeckt - ein neues Fliegerküken am Blogger-Himmel.


Das mit den eindeutig zweideutigen Titeln und den schlüpfrigen Quotenfängertexten scheint der Jungpilot auf jeden Fall bereits begriffen zu haben - erwächst dem Flugschreiber schlechthin hier eventuell Konkurrenz aus den eigenen Reihen...?

Ich bin ja mal gespannt, was da noch alles auf uns zukommen wird...

Montag, 4. März 2013

Neidisch

Ich bin neidisch - und das grad mehrfach...

So viele Ferien wie er hat, gehören gar nicht erst kommentiert, sondern schlichtweg ignoriert!

Er ist aber nicht der einzige, den ich im Visier habe.

Auch wenn ich eigentlich meinen absoluten Traumjob ausüben darf, hat er einen ganz kleinen Nachteil. Im Gegensatz zu meinen Fliegerjungs sehe ich im Winterhalbjahr die Sonne viel zu selten. Wetterlagen wie die seit einer gefühlten Ewigkeit vorherrschende, gehen mir ganz gewaltig auf den Geist. Dieser immer gleiche graue Deckel macht überhaupt keinen Spass. Fluchtmöglichkeiten (sprich freie Tage) gibt es momentan nicht allzu viele in meinem Einsatzplan, die wenigen sich bietenden müssen drum konsequent ausgenutzt werden.

Neulich hat sich endlich wieder einmal so eine Gelegenheit geboten. Die Stimmung, die wir beim Eintauchen der Abendsonne ins Nebelmeer miterleben durften, entschädigt für vieles. Dass es aber irgendwie doch nicht ganz ohne Flugzeuge geht, habe ich erst richtig realisiert, als ich die mit dem Handy geschossenen Bilder auf dem Compi nochmals genauer angeschaut habe - offenbar bin ich ein ganz schwerer Fall von virus aviaticus...